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Ob-Ugrische Sprachen

Die ob-ugrischen Sprachen Chantisch (Ostjakisch) und Mansisch (Wogulisch) werden in Westsibirien gesprochen, hauptsächlich entlang des Flusses Ob und seiner Nebenflüsse. Sie sind eine Untergruppe der finnisch-ugrischen/uralischen Sprachfamilie und sind am nächsten mit dem Ungarischen verwandt, mit dem sie gemeinsam den ugrischen Zweig bilden. Die Verwandtschaft zwischen den ob-ugrischen Sprachen und Ungarisch ist sehr entfernt, sogar Chantisch und Mansisch sind kaum gegenseitig verständlich, obwohl es zahlreiche strukturelle Ähnlichkeiten und Spuren eines beständigen Kontaktes zwischen chantischen und mansischen Varietäten gibt.

Die Ob-Ugrier haben eine reiche Folklore; besonders ihre epische Dichtung und Mythologie wurden umfassend erforscht. Trotz der zwangsweisen Christianisierung im russischen Zarenreich und trotz des offiziell bestehenden Atheismus in der Sowjetzeit, blieben viele Elemente des Schamanismus und der traditionellen Religion bis in unsere Zeit erhalten: Diese beinhalten die kultische Verehrung verschiedener Götter und Geister sowie die Verehrung des Bären, der bei allen Ob-Ugriern als Totemtier verehrt wurde.

Chantisch

Das Chantische wird für gewöhnlich in drei Dialektgruppen eingeteilt: Nord-, Süd- und Ost-. Diese Dialektgruppen unterscheiden sich auf allen Ebenen der Sprachstruktur (Phonologie, Morphologie, Syntax und Lexikon) deutlich voneinander und sind untereinander nicht verständlich (obwohl es auch einige Übergangsdialekte zwischen den Hauptdialektgruppen gibt). Innerhalb der letzten hundert Jahre sind viele der chantischen Dialekte - inklusive der gesamten südlichen Dialektgruppe - ausgestorben. Die meisten chantischen Gruppen leben im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen und im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen, einige auch im Gebiet Tomsk.

Laut der Volkszählung von 2010 gab es 31.000 ethnische Chanten, von denen jedoch nur etwa 30% Nord- oder Ostchantisch sprechen. Die meisten Sprecher, welche die Sprache noch fließend sprechen, gehören zu älteren Generationen, während die jüngeren und in den Städten lebenden Chanten zum Russischen wechseln.

Bemerkung: Das traditionelle Exonym für die Chanten, das in der älteren Literatur verwendet wird, ist Ostjaken. Diese Bezeichnung ist jedoch missverständlich, da es auch teilweise für die Selkupen verwendet worden ist (Ostjak-Samojeden), deren Sprache zum samojedischen Zweig der uralischen Sprachfamilie gehört, sowie auch für die Keten (Jenissej-Ostjaken), die eine Jenissej-Sprache sprechen (bzw. gesprochen haben).

Mansisch

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert haben Forscher vier mansische Hauptdialekte identifiziert. Von diesen waren die südlichen und westlichen Dialekte bereits zu Beginn der 20. Jahrhunderts am Verschwinden; östliches (Konda-)Mansisch wurde aber von einer ernstzunehmenden Anzahl von Menschen gesprochen und wurde auch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts teilweise als Literatursprache verwendet. Jetzt ist es jedoch ebenfalls praktisch ausgestorben. Heutzutage ist nur noch der Norddialekt in aktivem Gebrauch, wird jedoch hauptsächlich von älteren Sprechern innerhalb der Familie verwendet. Jüngere Sprecher wechseln zum Russischen und in den meisten Sprechergemeinschaften wird die mansische Sprache nicht mehr an die jüngeren Generationen weitergegeben. Nordmansisch wird in einigen Dörfern entlang des unteren Ob und seiner westlichen Nebenflüsse, der Sosva und der Sygva im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen im Gebiet Tjumen gesprochen, sowie entlang des Flusses Lozva im Idvel Bezirk in der Region Sverdlovsk.

Laut der Zensusdaten nach 1926 ist die mansische Bevölkerung kontinuierlich gewachsen. In der Volkszählung von 2010 wurden fast doppelt so viele ethnische Mansen gezählt wie 1926 (2010: etwa 12000). Diese Zahlen beziehen sich jedoch auf die ethnische Zugehörigkeit und können keine Aussage über die Sprachkenntnisse geben: die Sprachkompetenz des Russischen liegt bei beinahe 100 Prozent. Darüber hinaus unterscheidet der Fragebogen nicht zwischen der Muttersprache (ru. родной язык) an sich und der tatsächlichen Beherrschung derselben. Im Zensus von 2010 gaben 1774 der Befragten an, Muttersprachler des Mansischen zu sein, während jedoch nur knapp die Hälfte davon auch tatsächlich angeben, die Sprache sprechen zu können.

Sprachsituation und Dokumentation

Wie der Kenntnisstand in den beiden Sprachen zeigt, sind sowohl Chantisch als auch Mansisch höchst bedrohte Sprachen. Der Assimilationsprozess, der mit der Kolonisierung Sibiriens begann, hatte sich im 20. Jahrhundert drastisch beschleunigt. Gründe hierfür sind die Kollektivierung und zwangsweise Umsiedelung, Mangel an Schulunterricht in der Muttersprache und das geringe Prestige der indigenen sibirischen Sprachen. Besonders in den letzten Jahrzehnten hat die Entwicklung der Öl- und Gasindustrie enorm zur Zerstörung der traditionellen Lebensweisen beigetragen und hat eine massive Einwanderung von Arbeitskräften aus anderen Teilen Russlands nach sich gezogen. In vielen indigenen Gemeinschaften stellen daher Arbeitslosigkeit, Armut und Alkoholismus ernsthafte Probleme dar.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden einige Versuche unternommen, das Bewusstsein für diese Probleme zu schärfen und die beiden Sprachen und Kulturen wiederzubeleben. An der Jugra-Universität in Chanty-Mansijsk wurden von 2001 bis 2010 ob-ugrische Sprachen gelehrt. 2010 wurden die Lehrstühle für Chantische und Mansische Philologie jedoch geschlossen.

Beide Sprachen sind im Sinne der modernen Linguistik “unter-dokumentiert”: einige Beschreibungen, Materialsammlungen, Fallstudien etc. wurden zwar veröffentlicht, sie sind aber in verschiedenen Ländern erschienen, basieren auf unterschiedlichen Traditionen und verwenden verschiedene Metasprachen (wie etwa Finnisch, Russisch oder Ungarisch) sowie unterschiedliche Transkriptionen etc. Alle diese Materialien sind für Linguisten außerhalb der Finno-Ugristik nur schwer zugänglich.

Bisherige Forschungen wurden bisher hauptsächlich aus europäischer Perspektive durchgeführt (geschrieben wurde hauptsächlich auf Deutsch, Russisch, Finnisch, und Ungarisch und erst seit kurzem auch auf Englisch), ganz im Interesse der europäischen Forscher und Institutionen. Unsere Projekte hingegen basieren auf der Kooperation mit Muttersprachlern und lokalen Institutionen, mit der expliziten Absicht, die Sprechergemeinschaften zu unterstützen sowie die linguistische Ausbildung der Muttersprachler zu fördern. Da die Universität München auch an dem von der EU-Kommission geförderten Projekt „Extension of the Possibilities of Indigenous Peoples in Siberia in Obtaining a High Level Education“ [Ausbau der Möglichkeiten der indigenen Völker Sibiriens zur Erlangung einer hochwertigen Schulbildung], das Teil des Schwerpunktbereichs „Combating racism and xenophobia and discrimination against minorities and indigenous peoples“ [Bekämpfung von Rassismus, Xenophobie und Diskriminierung von Minderheiten und indigenen Völkern] (Finanzierungsvertrag B7 - 701/2002/031541/RX/237) war, teilgenommen hat, ist sichergestellt, dass mit legalen und ethischen Fragen, die intellektuelle und kulturelle Verfügungsrechte betreffen, angemessen umgegangen wird.

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Last update: 18-09-2018 - Visitors: